Objekt des Monats 7-8/2021: Landluft - Sanierung eines Wohn- und Bürogebäudes

Ein bestehendes Bauernhaus aus dem 19. Jahrhundert in Wildermieming wurde von 2017 bis 2019 nachhaltig saniert und bietet nun Räumlichkeiten für einen Mehr-Generationen-Haushalt sowie für ein Ingenieurbüro. Mit 1000 Punkten erreicht es klimaaktiv GOLD Standard.

Ausgangssituation

Attraktive ländliche Räume brauchen zeitgemäße Rahmenbedingungen, damit Menschen vom Land ihre Zukunft weiter am Land sehen können: leistbarer Wohnraum für die Jungen, altersgerechtes Wohnen für die Älteren, hochwertige Arbeitsplätze, zeitliche Flexibilität, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, zukunftsfähige Infrastruktur, Erholungsmöglichkeit in intakter Natur.

Mit der Umsetzung des Projektes „Landluft“ sollen diese zeitgemäßen Rahmenbedingungen für die Familie Krißmer-Strasser und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der familieneigenen Firma „Energy CONsultants, Beratende Ingenieure“ geschaffen werden. „Wir möchten mit dem Projekt das klassische Gegensatz-Denken zwischen wirtschaftlichem Erfolg und nachhaltiger Entwicklung überwinden, die Werkzeuge der Globalisierung nutzen, um „Lokalisierung“ zu ermöglichen und die Erkenntnisse aus dem Projekt auch für Kundinnen und Kunden nutzbar machen.“, so Andrea Strasser und Rainer Krißmer.

Architektur und Baustoffe

Das bestehende Bauernhaus wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Ortskern der Gemeinde Wildermieming errichtet. Bei der Sanierung blieb das Gebäude in seinen wesentlichen Bestandteilen erhalten. Der alte Stadel wurde durch einen neuen, hoch wärmegedämmten, Holzriegelbau ersetzt und beherbergt Schlafzimmer und Sanitäreinheit. Im ehemaligen Stall, direkt darunter, finden neben einem Ess- und Wohntrakt die Büroräume Platz. Ziel war es, die Raumwirkung des Stadels und dessen Haptik zu erhalten.

Die Innen- und Außenverkleidung und die Böden des Holzbaus wurden zur Gänze aus Föhren errichtet, welche in einem Umkreis von 10 km mit „kleinem Gerät“ geschlägert, geschnitten, getrocknet und gehobelt wurden. Alle energetischen Aufwendungen im Bauprozess (Holzschlägerung, Holzlieferung, Trocknung, etc.) wurden lückenlos dokumentiert. Bei den ergänzenden Baustoffen wurde auf Produkte mit Umweltzeichen geachtet.

Intelligentes, energetisches Gesamtkonzept

Eine Wärmepumpe sorgt mit ökologischem Kältemittel und einem Holzvergaser für Wärme. Diese wird mit einer nachhaltigen Nutzung des Holzzuwachses der Eigenwaldnutzung vollkommen gedeckt. Die Wärmeverteilung läuft über ein hydraulisches System mit Einspritzschaltungen. Jeder Energiefluss wird erfasst, dokumentiert und trendgeloggt. Die Komfortlüftung wird im Kaskadenprinzip betrieben.

Der innovativste Teil ist die zentrale, intelligente Steuerung. Durch eine Schnittstelle zum „virtuellen Kraftwerk“, ein intelligentes Energiemanagementsystem, können die vorhandenen Energieverbraucher (Wäschetrockner, Wärmepumpe, Elektroauto, …) sowie die Energieerzeuger (Photovoltaikanlage) für das Lastmanagement genutzt werden. In Form von Regelenergie kann, bei entsprechender Freigabe durch das lokale Energiemanagementsystem, zur Stabilisierung des Energienetzes beigetragen werden.

„Vereinfacht gesagt wird es Betriebssituationen geben, in welchen der Energieversorger je nach Energiepreis und Verfügbarkeit, aber ganz ohne Behaglichkeitsverluste, beispielsweise auf die Wärmepumpe, die E-Ladesäule oder den Batteriespeicher Einfluss nehmen kann“, erklärt Krißmer.

In Teilbereichen können die Lösungsansätze und Ideen sehr leicht auf andere, ähnlich gelagerte Anforderungen und Gebäude übertragen werden.

Der Primärenergieverbrauch der Gesamtanlage konnte um mehr als 75% reduziert werden (EnerPhit-Sanierungsstandard). Auch im Büro konnte der Bedarf an elektrischer Energie durch die Umstellung der Server- und Beleuchtungsstruktur deutlich verringert werden. Der Strom wird zu einem hohen Anteil durch die PV-Anlage auf dem Dach mit 8,5 kW Peak gedeckt. Zur Erhöhung des Eigenbedarfsanteils ist ein 10,5 kWh Batteriespeicher verbaut. Erzeugungsüberschüsse werden zur Beladung der Elektroautos verwendet. Dafür stehen intelligente Doppelladesäulen zur Verfügung.

Beteiligte:

  • Architekt: DI Martin Tabernig
  • Bauherr: Mag. Andrea Strasser und MBA|DI (FH) Rainer Krißmer
  • Bauphysik und Haustechnik: Energy Consultants EN-CON
  • Weitere Beteiligte: Holzbau Hofer GmbH, Tip Top Fenster GmbH/Srl, Lüftung J. Pichler GmbH, Tischlerei Schweigl, Daikin Wärmepumpe, Isocell, Sto
  • Plausibilitätsprüfung: Energie Tirol
Veröffentlicht am 29.07.2021