© Lukas Schaller

Jury

© Lukas Schaller

Die eingereichten Projekte werden in einem mehrstufigen Verfahren von einer sechsköpfigen Jury unter der Leitung des Vorarlberger Architekten Matthias Hein bewertet. Das international besetzte Gremium besteht zu gleichen Teilen aus Expert:innen der Architektur und Nachhaltigkeit. 

Die Jury setzt sich aus folgenden Mitgliedern zusammen:

  • Matthias Hein, HEIN architekten (Vorsitz)
  • Almut Grüntuch-Ernst, Grüntuch Ernst Architekten
  • Robert Lechner, Österreichisches Ökologie Institut
  • Bernadette Luger, Stabsstelle Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit der Stadt Wien
  • Evelyn Rudnicki, pool Architektur ZT GmbH
  • Tobias Weiss, AEE INTEC
     
© Darko Todorovic

Matthias Hein

Architekt, Büro HEIN architekten, Bregenz

  • Architekturstudium an der Universität Innsbruck und der TU Wien, Diplom 1999.
  • Seit 2001 selbstständiger Architekt mit eigenem Büro in Bregenz; Realisierung öffentlicher und privater Projekte mit Schwerpunkten Bildungsbau, Bauen im Bestand und nachhaltige Architektur.
  • Kontinuierliche Auseinandersetzung mit Angemessenheit und Nachhaltigkeit im Planen und Bauen; zwei Projekte mit dem Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit ausgezeichnet.
  • Langjährige Gremienarbeit, u. a. im Vorstand der Zentralvereinigung der Architekt*innen Vorarlberg sowie in der Ziviltechnikerkammer Vorarlberg.
  • Mitglied in Gestaltungsbeiräten in Österreich und Deutschland, regelmäßige Tätigkeit als Preisrichter in Wettbewerbsverfahren; Vorsitz des Staatspreises für Architektur und Nachhaltigkeit 2024 und 2026. 

Was macht heute gute Architektur aus? Matthias Hein, Juryvorsitzender des Staatspreises Architektur und Nachhaltigkeit (StAuN), über Ressourceneffizienz, die Kraft des Nicht-Perfekten und darüber, warum ein gutes Leuchtturmprojekt vor allem eines sein sollte: nachahmbar.

Wie haben sich Architektur und nachhaltiges Bauen in Österreich verändert?

Da hat sich eine Menge getan. Während meiner Studienzeit war das Passivhaus das große Thema. Damals ging es vor allem um die Heizenergie. Das Passivhaus war die perfekte Antwort darauf. Es war ungemein marketingtauglich und hatte zu dieser Zeit seine volle Berechtigung. Doch dann kam die Erkenntnis, dass dieses Konzept nicht alle Probleme löst und unser eigentliches Thema viel größer ist.

Was ist unser Thema?

Es geht um Ressourceneffizienz und die CO2-Bilanz. Damit ist auch die Architektur vielschichtiger geworden. Zum Beispiel reden wir jetzt von Kreislaufwirtschaft. Sie funktioniert nur leider noch nicht an allen Orten mit allen Konzepten, allen Bauherrschaften und allen Normen. Dabei wäre es extrem wichtig, sie in alle Planungen einzubeziehen. Mit dem, was wir heute bauen, schaffen wir die Voraussetzungen für die Kreislaufwirtschaft der Zukunft. Wir müssen also jetzt so bauen, dass Teile und Materialien künftig trennbar sind und ganze Bauteile wiederverwendet werden können.

Welche Rolle spielt Bauen im Bestand?

Das ist das eigentliche neue Bauen – und eine Entwicklung, die mir persönlich ganz viel Spaß macht. Wir bekommen hier ein neues Verständnis von Architektur und bewegen uns weg vom teils selbstverliebten Entwerfen hin zu einer neuen Architektursprache, die das Gebrauchte nutzt. Die zentrale Frage dabei ist: Wie kann man aus dem, was da ist, viel machen und es auch sichtbar machen? Etwas, das nicht perfekt ist, aber dafür eine Geschichte erzählt? Das zusätzlich dabei hilft, Bauen leistbar zu halten? Denn dieser Anforderung kommt Bauen im Bestand ohne Anspruch auf Perfektion entgegen.

Kann auch das Nicht-Perfekte gute Architektur sein?

Gute Architektur bedeutet für mich, sich für eine Entwurfsaufgabe die richtigen Fragen zu stellen und sie auf konsequente und intelligente Art und Weise zu beantworten – von der Planung bis zur Umsetzung. Es kann durchaus Fragestellungen geben, die die Nachhaltigkeit vielleicht nur in Teilbereichen streifen. Nehmen wir zum Beispiel den islamischen Friedhof in Hohenems: Da braucht es keine klassische Wärmedämmung und auch keinen Holzbau. Die Nachhaltigkeit liegt dort ganz woanders – etwa darin, wie es dieser einfache Betonbau schafft, eine kulturelle Frage zu lösen. Damit wäre die soziale Nachhaltigkeit angesprochen. Nachhaltigkeit ist jedenfalls kein zusätzliches Gütekriterium für Architektur. Sie ist mittelfristig die Grundvoraussetzung für den Fortbestand unserer Zivilisation, wie wir sie kennen. Daran führt kein Weg vorbei. Es braucht aber Vernunft, Erfahrung und Diskussion darüber, wann welche Mittel zum Erreichen von Nachhaltigkeit die richtigen sind. Falsch wäre dogmatisch zu handeln und Dinge einfach vorzuschreiben.

Kommen wir zum Anlass des Interviews – die Ausschreibung eines Architekturpreises. Davon gibt es viele. Was macht den StAuN besonders?

Es gibt vielleicht viele Architekturpreise, aber nur wenige wirklich gute. Viele Preise verfolgen nicht in erster Linie die Absicht, die Baukultur zu steigern, sondern sind Marketinginstrumente. Außer dem StAuN gibt es in Österreich eigentlich nur den Bauherr:innenpreis, der ein ähnlich hohes Ansehen genießt. Das habe ich schon mehrmals gesagt und dazu stehe ich auch. Beim StAuN geht es wirklich darum, die Baukultur weiterzuentwickeln und ein Umdenken darüber anzustoßen, was Architektur kann und soll: Der StAuN prämiert Projekte, die zeigen, dass ein hoher Anspruch an die Nachhaltigkeit in Einklang mit der Entwicklung guter Architektur gebracht werden kann und dass Nachhaltigkeit sogar entscheidenden Anteil an der Entstehung dieser Architektur haben kann.

Im Rahmen des StAuN findet eine Juryreise statt. Was kann eine Vor-Ort-Besichtigung über ein Projekt verraten, was Pläne, Fotos und Kennzahlen nicht zeigen?

Sich vor Ort selbst ein Bild zu machen und mit den Menschen zu reden, die in die Entstehung involviert waren, ist ganz, ganz wichtig. Erst dort zeigt sich, wie die Projekte wirklich sind und wie sie in ihrem Umfeld wirken. Das ist natürlich ein großer Aufwand: Nach der Vorprüfung diskutieren wir intensiv darüber, welche Projekte wir uns ansehen wollen, und fahren dann mehrere Tage quer durch Österreich. Aber genau dieser Aufwand zeigt auch, mit welcher Ernsthaftigkeit die Jury an die Sache herangeht. Nur so können wir wirklich die besten, auszeichnungswürdigen Projekte herausfiltern.

Architektur und Nachhaltigkeit sitzen in der Jury quasi an einem Tisch. Wo entstehen die spannendsten Diskussionen? 
Reibungsfrei ist der mehrstufige Auswahlprozess natürlich nicht. Aber genau davon leben qualifizierte Juryentscheidungen. Die Nachhaltigkeitsspezialist:innen kommen zu einem großen Teil aus der Architektur oder beschäftigen sich viel mit Architektur. Das heißt, sie sind gewissermaßen auch Spezialist:innen für Architektur. Ebenso sehen sich die Architekt:innen als Spezialist:innen für Nachhaltigkeit, weil sie laufend damit zu tun haben. Da entstehen automatisch Schnittmengen, wo man das Gleiche vor Augen hat, es aber unterschiedlich bewertet. Die einen betrachten stärker messbare Kriterien. Die anderen schauen vielleicht mehr auf den Entstehungsprozess: Mit welchen Rahmenbedingungen mussten die Planenden umgehen? Wie konnten sie die Bauherrschaft überzeugen? Wie wurden Normen interpretiert? So entstehen unterschiedliche Sichtweisen auf dasselbe Projekt – und genau das macht die Diskussion spannend und erhöht die Qualität der Entscheidungen.

Was ist Ihnen bei der Projektbewertung wichtig?

Ein ganz wichtiges Thema ist für mich zum Beispiel, was ein Projekt gekostet hat. Wenn ein Projekt offensichtlich so viel Geld zur Verfügung hatte, dass quasi alles möglich war, ist das für mich nicht automatisch ein Vorteil. Ein Leuchtturmprojekt sollte möglichst viel Reproduzierbares enthalten. Spannend finde ich deshalb Konzepte, die mit wenig Geld sehr viel erreichen. Das fasziniert mich am meisten.

Was muss ein Projekt letztlich mitbringen, um mit dem StAuN gewürdigt zu werden?

Hervorragende Architektur ist eine Grundvoraussetzung. Gleichzeitig muss das Projekt auch in Sachen Nachhaltigkeit innovativ sein und einen entscheidenden Beitrag liefern – etwa bei CO2-Reduktion, Ressourcenschonung oder sozialen Aspekten. Die Jury besteht aus zwei Gruppen mit jeweils drei Personen. Beide Gruppen müssen überzeugt sein. Wenn die Nachhaltigkeitsseite Nein sagt, kann ein Projekt den Preis nicht bekommen. Umgekehrt ist es ebenso.

Worauf freuen Sie sich am meisten?

Ganz ehrlich: auf jedes einzelne Projekt, das wir bei der Juryreise sehen werden. Und natürlich auf den Austausch mit meinen Jurykolleg:innen und ihre unterschiedlichen Perspektiven. Das bereichert ungemein!

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person

Matthias Hein von HEIN architekten/Bregenz hat sein Architekturstudium an der Universität Innsbruck und der TU Wien absolviert. Seine Schwerpunkte liegen in Bildungsbau, Bauen im Bestand und nachhaltiger Architektur. Er beschäftigt sich intensiv mit Fragen der Angemessenheit und Nachhaltigkeit im Planen und Bauen, ist regelmäßig Preisrichter in Wettbewerbsverfahren und nach 2024 nun zum zweiten Mal Vorsitzender der Jury für den Staatspreis Architektur und Nachhaltigkeit.

© Bernd Bauerochse

Almut Grüntuch-Ernst

Architektin, Grüntuch Ernst Architekten, Berlin

  • Architekturstudium an der Universität Stuttgart und der Architectural Association in London; berufliche Stationen u. a. bei Alsop & Lyall in London.
  • Seit 1991 Mitgründerin und Partnerin des Architekturbüros Grüntuch Ernst Architekten in Berlin.
  • Lehr- und Forschungstätigkeit, u. a. an der UdK Berlin; seit 2011 Professorin an der TU Braunschweig.
  • Umfangreiche internationale Vortrags- und Jurytätigkeit; Generalkommissarin des deutschen Beitrags zur 10. Internationalen Architekturbiennale Venedig 2006; Mitglied der Kommission für Stadtgestaltung München (2010–2015).
  • Mitglied der Akademie der Künste, Berlin (seit 2016); Rompreisträgerin der Deutschen Akademie Villa Massimo 2024/25 (gemeinsam mit Armand Grüntuch). 
© Renate Schrattenecker-Fischer

Robert Lechner

Geschäftsführer Österreichisches Ökologie-Institut / pulswerk GmbH

  • Leiter des Österreichischen Ökologie-Instituts, eines 1985 gegründeten Umweltforschungsinstituts mit Schwerpunkt nachhaltige Entwicklung.
  • Mitbegründer der Österreichischen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (ÖGNB) und langjähriger Experte für nachhaltiges Bauen in Forschung, Beratung und Politikgestaltung.
  • Geschäftsführender Gesellschafter der Beratungstochter pulswerk GmbH; Entwicklung und Umsetzung von F&E-Projekten sowie Strategien für nachhaltiges Bauen und nachhaltige Entwicklung in Wirtschaft, Verwaltung und Politik.
  • Jurymitglied des Staatspreises Architektur und Nachhaltigkeit, Mitglied des Leitungsteams klimaaktiv Gebäude, Aufsichtsratsvorsitzender von BauKarussell e.Gen. und Aufsichtsrat von Renowave.AT e.Gen.; umfassende Vortrags- und Publikationstätigkeit.
  • Breite Erfahrung in der Entwicklung von Bewertungs- und Qualitätsstandards für nachhaltige Gebäude und Quartiere sowie in der strategischen Beratung von Politik und Verwaltung im Bereich Klimaschutz und Bauwirtschaft. 
© Bernadette Luger

Bernadette Luger

Leiterin Stabsstelle Ressourcenschonung & Nachhaltigkeit im Bauwesen, Stadt Wien

  • Architektin mit Schwerpunkt integrative Stadtentwicklung und Kreislaufwirtschaft im Bauwesen.
  • Berufliche Stationen in mehreren Architekturbüros; ab 2019 bei Urban Innovation Vienna mit Fokus auf Nachhaltigkeitstrends, Innovationsstrategien und urbane Zukunftsfragen.
  • Seit 2022 Leiterin der Stabsstelle für Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit im Bauwesen in der Magistratsdirektion Bauten und Technik der Stadt Wien.
  • Verantwortlich für das Programm „DoTank Circular City Wien 2020–2030“ (DTCC30) zur Umsetzung der Kreislaufwirtschaft im Bauwesen der Stadt Wien.
  • Engagement in nationalen und internationalen Arbeitsgruppen, Netzwerken und Beratungsgremien; u. a. Jurymitglied Staatspreis Architektur und Nachhaltigkeit 2024, Mitglied des Grundstücksbeirats des wohnfonds_wien, der Kommission zur Bewertung der Nachhaltigkeit in der geförderten Sanierung und des City Boards des Wiener Klimarats. 
© Evelyn Rudnicki

Evelyn Rudnicki

Architektin, pool Architektur ZT GmbH, Wien

  • Architekturstudium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart; geboren in Reutlingen (Baden‑Württemberg).
  • 1998 Mitgründung von pool Architektur ZT GmbH; Realisierung zahlreicher Projekte mit Schwerpunkt Wohnbau.
  • Mehrfache Auszeichnungen, u. a. Preis der Stadt Wien für Architektur (2003), Bauherrenpreis (zweifach) sowie Staatspreis für Architektur und Nachhaltigkeit (2017); Vertretung Österreichs auf der 9. Architekturbiennale in Venedig (2004).
  • Regelmäßige Tätigkeit als Jurymitglied und in Gestaltungsbeiräten.
  • Seit 2015 ehrenamtliche Tätigkeit in Gremien der Ziviltechnikerkammer, seit 2022 Sektionsvorsitzende der Architekt*innen der Ziviltechnikerkammer Ost. 
© AEE INTEC

Tobias Weiß

Bereichsleiter Gebäude, AEE INTEC

  • Architekturstudium an der TU Graz und der TU Delft.
  • Mehrjährige Berufspraxis in einem Architekturbüro, davon fünf Jahre als Projektleiter für Entwurf, Einreich‑, Werk‑, Detailplanung und Bauleitung.
  • Über zehn Jahre Tätigkeit in Forschung und Lehre zu nachhaltigem Bauen; Leitung von mehr als 20 nationalen und internationalen Forschungsprojekten, einschlägige Publikations- und Vortragstätigkeit.
  • Seit 2017 bei AEE INTEC, zunächst als Projektleiter, seit 2020 Bereichsleiter Gebäude mit Schwerpunkt nachhaltige Gebäude und Energiesysteme.
  • Umfangreiche Lehrerfahrung: 20 Semester Lehrtätigkeit an der TU Graz (Institut für Gebäude und Energie) sowie 12 Semester an der FH Salzburg (Smart Building, Holzbau und Holztechnologie).