Pionierstadt
Tullns Nibelungenplatz: Ein Parkplatz wird zur Wohlfühloase
Wer heute den Nibelungenplatz vor dem Rathaus besucht, findet einen lebendigen Stadtplatz vor. Anstelle der früher dort parkenden Autos gibt es nun einen attraktiven Aufenthaltsort mit viel Grün, Schatten, Sitzgelegenheiten und Raum für Begegnung. Das Projekt zeigt, wie durch echte Beteiligung umfassende Projekte gelingen können.
Rathausvorplatz mit neuer Funktion
Der Nibelungenplatz liegt zentral in Tulln, unmittelbar beim Rathaus und entlang des Donauradwegs. Lange Zeit dominierte dort der ruhende Verkehr. Mit der Neugestaltung des Platzes im Juni 2024 erhielt das Areal eine völlig neue Funktion. Es schafft Aufenthaltsqualität für Einwohner:innen und Besucher:innen und stärkt zugleich die Rolle Tullns als Gartenstadt.
Was wurde konkret verändert? Die Zahl der Stellplätze wurde von 211 auf 54 reduziert. Gleichzeitig entstand ein großzügiger Freiraum mit zahlreichen Grünflächen, Bäumen und Sitzmöglichkeiten. Bei der Neugestaltung wurde das Schwammstadtprinzip umgesetzt: Versickerungsoffene Flächen sorgen dafür, dass Regenwasser gespeichert und den Bäumen langfristig zur Verfügung gestellt werden kann. Die großen Baumkronen vor Ort spenden zudem Schatten.
Der Platz erfüllt heute mehrere Funktionen gleichzeitig: Er dient als Treffpunkt für die Bevölkerung, als attraktiver Aufenthaltsort für Radreisende und Schiffstourist:innen sowie als wichtige städtebauliche Verbindung zwischen Hauptplatz und Donau.
Beteiligung von Anfang an
Wo Parkplätze wegfallen, entsteht oft erhebliches Konfliktpotenzial. Für die Stadtgemeinde war daher schnell klar, dass es einen Beteiligungsprozess braucht. Dieser entwickelte sich zu einem zentralen Erfolgsfaktor des Projekts und mündete schließlich in einer Volksbefragung mit drei unterschiedlichen Umgestaltungsvarianten.
„Es gab im Vorfeld laute Gegenstimmen. Die Volksbefragung ergab jedoch, dass 60 % für die größte Umgestaltungsvariante gestimmt hat. Das zeigt, dass die Bevölkerung zu viel mehr bereit ist, als man glaubt.”
Das Ergebnis fiel deutlich aus: Rund 60 Prozent der Teilnehmenden entschieden sich für die umfassendste Umgestaltungsvariante, die die größte Reduktion der Parkplätze vorsieht.
Wie ist es der Stadtgemeinde gelungen, dieses Ergebnis zu erzielen? Das Projekt zeigt, dass Gemeinden ihrer Bevölkerung durchaus weitreichende Veränderungen zutrauen können, wenn diese frühzeitig informiert und aktiv eingebunden wird. Die Bürger:innen wurden über den gesamten Prozess hinweg mitgenommen – von der ersten Planungsphase bis zur Entscheidung über die Umsetzungsvariante.
Den Auftakt machte im April 2021 eine Projektzeitung, die an alle Haushalte verteilt wurde. Parallel dazu startete die dreimonatige Beteiligungsphase „1000 Ideen“, in der die Bürger:innen ihre Wünsche, Ideen und Anregungen einbringen konnten.
Die gesammelten Ideen wurden öffentlich präsentiert und bildeten die Grundlage für die weitere Planung. In einem nächsten Schritt arbeiteten Planungsbüros, Politik, Verwaltung, Anrainer:innen und Interessensgruppen gemeinsam an ersten Konzepten. Die daraus entwickelten Varianten standen dann schließlich bei der Volksbefragung zur Auswahl.
Dialog und Kommunikation entscheiden über den Erfolg
Mobilitätsgewohnheiten, vertraute Nutzungsweisen und das vertraute Erscheinungsbild prägen die Wahrnehmung eines Ortes oft über viele Jahre. Gerade bei öffentlichen Räumen fällt es vielen Menschen deshalb schwer, sich Veränderungen vorzustellen. Umso wichtiger war es, mögliche Alternativen sichtbar zu machen und den Nutzen der Umgestaltung nachvollziehbar zu vermitteln. Die Stadtgemeinde setzte auch deshalb von Beginn an auf eine aktive und kontinuierliche Kommunikation sowie eine enge Einbindung der Bevölkerung.
„Jede Person, der hier wohnt, hat das Recht mitzureden. Es ist auch sein oder ihr Platz.”
Statt fertige Lösungen zu präsentieren, wurden die Bewohner:innen gefragt, welche Wünsche und Ideen sie für den Platz haben und welche Nutzungsmöglichkeiten sie sich vorstellen können. Ein Informationsvideo unterstützte die Beteiligung, machte Lust aufs Mitmachen und zeigte mit ersten Impulsen Möglichkeiten zur alternativen Nutzung auf.
Für die Ideensammlung nutzte die Stadtgemeinde eine breite Palette an Informations- und Beteiligungsformaten. Neben Social Media kamen Online-Umfragen, das mobile „Dialograd“ im öffentlichen Raum sowie Postkarten zum Ausschneiden in der Gemeindezeitung zum Einsatz. So konnten möglichst viele Menschen auf unterschiedlichen Wegen erreicht werden.
Insgesamt erreichten rund 1.000 Rückmeldungen die Stadtgemeinde. Die offene Fragestellung ermöglichte es, vielfältige Perspektiven und Anregungen aus der Bevölkerung in die Planung einzubeziehen.
Auch während der Umbauphase blieb die Kommunikation ein zentraler Bestandteil des Projekts. Bereits einen Monat vor Baubeginn informierte die Stadtgemeinde vor Ort über die bevorstehenden Änderungen und zeigte Alternativen für Autofahrende auf. Auf diese Weise konnten Fragen frühzeitig geklärt und Unsicherheiten reduziert werden. Die Erfahrungen aus Tulln zeigen, dass Akzeptanz vor allem dort entsteht, wo echte Beteiligung möglich ist.
Was andere Gemeinden daraus mitnehmen können
- Öffentliche Räume können deutlich mehr leisten als das Abstellen von Fahrzeugen.
- Der Mehrwert der Umgestaltung muss klar ersichtlich sein.
- Frühzeitige und echte Beteiligung schafft Akzeptanz und verbessert die Qualität der Lösungen.
- Wiederholte und transparente Kommunikation hilft, auch bei kontroversen Themen Vertrauen aufzubauen.
- Unterschiedliche Kommunikationskanäle erreichen unterschiedliche Zielgruppen.
- Politische Unterstützung, engagierte Projektverantwortliche und vor allem Durchhaltevermögen sind Voraussetzung.
Was sind Pionierstädte?
Tulln ist eine von 47 Pionierstädten in Österreich. Sie erproben innovative Lösungen für die Energie- und Mobilitätswende sowie für die Kreislaufwirtschaft. Im Mittelpunkt steht dabei das Ziel, neue Ansätze unter realen Bedingungen zu testen, weiterzuentwickeln und für andere Städte nutzbar zu machen. Die dabei gewonnenen Erfahrungen dienen als Blaupause für Städte und Gemeinden in ganz Österreich.
Die Pionierstädte werden vom Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur sowie vom Klima- und Energiefonds unterstützt. Mehr dazu: Pionierstadt