Gehen belebt das Dorf!

Gehen belebt nicht nur Körper und Geist sondern spielt auch eine wichtige Rolle bei der "Revitalisierung von kleinen Dörfern". 21 Thesen wurden dazu in Bregenz zur Diskussion gestellt.

Gehen belebt nicht nur Körper und Geist, sondern auch den Ort, die Dorfgemeinschaft, die Nahversorger und trägt somit viel zur Vitalität von Ortsteilen und zur Lebensqualität der BewohnerInnen bei. In den letzten Jahren wurden mehrere Studien veröffentlicht, die den enorm positiven Gesundheitseffekt des zügigen Gehens nachweisen. Neben den gesundheitlichen sind aber auch die sozialen Auswirkungen des Gehens bzw. „Nicht-Gehens“ beträchtlich.

In vielen kleinen Gemeinden verödet das Dorfleben zusehends. Das liegt zu einem nicht unbeträchtlichen Teil an den fehlenden Menschen auf öffentlichen Flächen. Wo sich keine Menschen aufhalten zieht es auch keine anderen Menschen hin. Beispielsweise wurde im Rahmen der vom BMLFUW unterstützen Initiative „Verkehrsparen Wienerwald“ (2002 bis 2007) aktionistisch auf diese Problematik aufmerksam gemacht:  20 lebensgroßen Pappfiguren mit der Aufschrift „FußgängerInnen beleben den Ort“ wurden tageweise in Zentren niederösterreichischer Dörfer und Kleinstädte aufgestellt.

Unsere „modernen“, bequemen Lebensgewohnheiten und vielleicht auch die bei Manchen noch immer vorhandene Prägung, dass sozialer Aufstieg  auch mit „nicht mehr Gehen müssen“ verbunden ist, erschweren die Gewöhnung an einen bewegungsintensiveren (gesunden) Lebensstil. Immerhin ist hier aber doch ein gewisses Umdenken „im Gange“.

Viele FußgängerInnen bedeuten auch eine Belebung von Dörfern oder Stadtvierteln. Sie sind Frequenzbringer für Geschäfte und versprechen Vitalität und soziale Kontakte statt reiner Wohnghettos. Wenn im Ort „etwas los ist“ geht man gerne hin, hält sich dort gerne auf, verlässt sich drauf, Bekannte und Freunde zu treffen und kehrt natürlich auch gerne ins Dorfwirtshaus ein – sofern es noch eines gibt.

Bregenzer Thesen zur Revitalisierung von kleinen Dörfern

Auf Initiative des Fachverbands Fußverkehr Deutschland wurden auf der diesjährigen Fachkonferenz für FußgängerInnen in Bregenz „21 Thesen zur Revitalisierung von kleinen Dörfern“ zur Diskussion gestellt und daran erinnert, dass auch das Gehen bei der Dorfentwicklung zu berücksichtigen ist.

Auszug aus den Bregenzer Thesen:

  • Gehen muss überall ungefährdet und komfortabel möglich sein, wo Menschen leben, arbeiten, wohnen oder sich erholen.
  • BürgerInnenmitwirkung ist eine wesentliche Grundlage für die Analyse und die zu entwickelnden Maßnahmen.
  • Eine geringe Bevölkerungsdichte einer Region darf nicht dazu führen, Planungsgrundsätze oder geltende Regelwerke zu vernachlässigen. Außerdem müssen diese Regelwerke die Bedürfnisse im ländlichen Raum stärker berücksichtigen.
  • In ländlichen Orten gibt also meist kaum sogenannten Parkdruck. Auf Dorfstraßen aber sind die Menschen und insbesondere die Kinder durch achtlos abgestellte Fahrzeuge noch stärker gefährdet als in der Stadt.
  • Ortseinfahrten müssen so gestaltet werden, dass sie Durchfahrende zur Geschwindigkeitsreduzierung veranlassen und allen fahrenden VerkehrsteilnehmerInnen verdeutlichen, dass sie hier einen Aufenthaltsraum von Menschen durchqueren.
  • Haltestellen sind in zentraler Dorflage mit Witterungsschutz und barrierefreien Informationen einzurichten und müssen in dunklen Jahreszeiten beleuchtet sein.
  • Für kleinere Kinder muss es Gemeinschaftsanlagen geben (Spielplätze etc.), in denen die sozialen Kontakte im Mittelpunkt stehen. Genauso wichtig sind Aufenthalts- und Bewegungsangebote für Jugendliche bzw. Personen aller Altersgruppen.
  • Verödetes Dorfleben ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass privater Sichtschutz Einblicke verwehrt und öffentliche Räume überwiegend von Menschen genutzt werden, die mit dem Auto auch kleinste Wege zurücklegen. Die Haustür und auch die Grundstückspforte soll zu Fuß von der Straße aus erreichbar und das Grundstück zur Straße hin möglichst offen sein.
  • Historische Fußwegeverbindungen aus den Dörfern hinaus - möglicherweise sogar bis zum nächsten Dorf oder der Stadt – dürfen durch Flurbereinigung, Bau von Ortsumgehungen oder Ausweisung von Baugebieten nicht unterbrochen, zerstückelt oder gar gänzlich zerstört werden.

TEXT: Michael Praschl, mipra Motiv- & Mobilitätsforschung; Sept. 2015

Quelle: www.fuss-ev.de

 

Veröffentlicht am 17.09.2016