Projekt BioTransform.at

Unser derzeitiges Wirtschaftssystem ist in hohem Maße von fossilen Rohstoffen abhängig. Insbesondere Erdöl und Erdgas nehmen nicht nur im Energiesystem eine zentrale Stellung ein, sondern werden auch in großem Umfang und auf verschiedenste Arten stofflich genutzt (Kunststoffe, Düngemittel, Baustoffe u.v.m.). Zusätzlich zur Energiewende – dem Umstieg auf erneuerbare Energieträger – sollte daher früher oder später auch in diesen Bereichen eine Abkehr von fossilen Rohstoffen erfolgen.

Ermöglicht werden soll dies durch eine Transformation zu einer „Bioökonomie“, zu einem Wirtschaftssystem, in dem nicht fossile, sondern biogene Ressourcen die zentrale Rohstoffbasis darstellen.

Auf EU-Ebene hat man bereits 2012 die Schaffung einer Bioökonomie als langfristiges Ziel definiert. Gelingen soll die Transformation des Wirtschaftssystems bis zum Jahr 2050, und sie soll in vielfacher Hinsicht Nutzen stiften: die Importabhängigkeit der EU drastisch reduzieren, Arbeitsplätze in Forschung und Entwicklung sowie ländlichen Regionen schaffen, die globale Wettbewerbsfähigkeit der EU stärken, positive Impulse für Umwelt- und Klimaschutz setzen und somit Wohlstand in Nachhaltigkeit in Europa sichern. Kritiker dieser Vision einer Bioökonomie sehen hingegen eine Vielzahl von Gefahren und Risiken: Sie befürchten etwa eine Übernutzung der natürlichen Ressourcen, eine Beeinträchtigung der globalen Ernährungssicherheit, und dass sich eine zunehmende Nachfrage nach Biomasse als Einfallstor für Gentechnik in der Landwirtschaft entpuppen könnte.

Welche dieser Sichtweisen sich eher bewahrheiten wird, hängt nicht zuletzt davon ab, in welchem Ausmaß inländische Biomasseressourcen unter Beibehaltung derzeitiger Nachhaltigkeitsstandards zur Etablierung einer Bioökonomie beitragen können; das heißt, ob eine Transformation auf Basis inländischer Ressourcen möglich ist.

Das Forschungsprojekt „BioTransform.at“

Die Beantwortung dieser Fragestellung hat sich die Österreichische Energieagentur im Rahmen des Projektes „BioTransform.at“ zusammen mit Forschern der TU Wien, der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt/Wien/Graz, der BOKU-Wien, des LFZ Raumberg-Gumpenstein und der energieautark consulting gmbh zur Aufgabe gemacht. Mittels eines integrierten Modellansatzes wurden für Österreich Szenarien des Biomasseaufkommens und -verbrauchs sowie der Energieversorgung im Zeitraum 2010 bis 2050 entwickelt. Ziel dabei war es, Entwicklungspfade aufzuzeigen, die einerseits dem Ziel einer Bioökonomie-Transformation gerecht werden und gleichzeitig eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um mindestens 80 % mit sich bringen. Es sollte also sowohl im Energiesektor als auch im Bereich der stofflichen Nutzung zu einem weitgehenden Ersatz von fossilen Rohstoffen kommen, ohne dabei zunehmend Biomasse aus dem Ausland zu importieren.

Klar ist, dass für eine weitgehende „Dekarbonisierung“ des Energiesystems der Energieverbrauch stark reduziert und die Energieerzeugung aus Wind- und Solarenergie massiv ausgebaut werden muss. Hinsichtlich dieser Aspekten wurde auf die Ergebnisse des unter der Leitung des Umweltbundesamtes erstellten „WAM-plus-Szenarios“ (siehe „Weiterführende Informationen“) zurückgegriffen. Zusätzlich wurde die Biomassenutzung mit dem „BioTransform.at-Modell“ dahingehend optimiert, dass es – unter aus heutiger Sicht plausiblen Rahmenbedingungen – bis 2050 zu einer höchstmöglichen Reduktion an Treibhausgasemissionen kommt.

Mit diesem Ansatz konnten verschiedene Entwicklungspfade aufgezeigt werden, die den genannten Zielsetzungen gerecht werden und bio-physisch und technisch im Bereich des Möglichen sind. Die Modellergebnisse veranschaulichen, dass die Transformation zu einer Bioökonomie auf Basis inländischer Ressourcen sowie die angepeilte Treibhausgasreduktion grundsätzlich möglich sind. Es zeigt sich auch, dass sowohl eine intensivere Nutzung der biogenen Ressourcen, als auch eine „alternative“, auf einen schonenden Ressourcenumgang abzielende Strategie zum Ziel führen kann. Durch einen Trend zu weniger fleischlastigen und gesünderen Ernährungsgewohnheiten und die Erhaltung landwirtschaftlicher Flächen könnten nämlich erhebliche Mengen an Biomasse als Ersatz für fossile Rohstoffe bereitgestellt werden. Grundvoraussetzungen für das Gelingen einer Bioökonomie-Transformation sind in jedem Fall, dass erneuerbare Energien rasch ausgebaut, die Energieeffizienz in allen Bereichen deutlich gesteigert und biogene Ressourcen effizient genutzt werden.

Herausforderungen und Chancen

Die Szenarien zeigen die technische und bio-physische Machbarkeit einer Bioökonomie-Transformation. Es muss jedoch betont werden, dass es sich dabei um Szenarien, also in sich schlüssige Entwicklungspfade handelt, nicht etwa um Prognosen oder Umsetzungsstrategien. Sie beantworten nicht die Frage, wie die gezeigten Entwicklungen tatsächlich herbeigeführt werden könnten, mit welchen Maßnahmen die Politik steuernd eingreifen sollte und ob tiefgreifende Veränderungen die notwendige gesellschaftliche Zustimmung finden würden. Schließlich wird es aller Voraussicht nach nicht ausreichen, auf effizientere Haushaltsgeräte und sparsamere Autos umzusteigen; für eine echte Transformation werden wohl ein gesellschaftlicher Wertewandel und grundlegende Änderungen unseres Konsumverhaltens erforderlich sein.

Solche grundlegenden Veränderungen müssen aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Bei den im Rahmen des Projektes durchgeführten Interviews mit Stakeholdern aus verschiedensten Bereichen hat sich gezeigt, dass starke regulatorische Eingriffe zumeist kritisch gesehen werden. Skepsis besteht auch hinsichtlich der sich abzeichnenden Zielkonflikte, beispielsweise wenn es darum geht, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit gegen Umweltschutz abzuwägen. Es gibt also große Herausforderungen, die es im Zuge einer Bioökonomie-Transformation auf politischer und gesellschaftlicher Ebene zu bewältigen gilt.

Dennoch gibt es gute Gründe, diesen Herausforderungen optimistisch entgegen zu sehen. Schließlich birgt die Transformation zweifellos auch große Chancen für Wirtschaft und Gesellschaft: Der Umstieg von importierten fossilen Rohstoffen auf regional verfügbare Biomasse würde die österreichische Außenhandelsbilanz massiv verbessern und die Wirtschaft insbesondere in ländlichen Regionen ankurbeln. Gerade in einem Land wie Österreich, in dem Regionalität eine hohen Stellenwert besitzt und weltweit führende Unternehmen im Bereich der Umwelttechnik beheimatet sind, kann die Transformation zu einer Bioökonomie gelingen und zu einem globalen Erfolgsmodell werden.

Dieses Projekt wurde aus Mitteln des Klima- und Energiefonds gefördert und im Rahmen des Programms „Austrian Climate Research Programme“ durchgeführt.

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Veröffentlicht am 10.05.2017