Wärmewende braucht Wärmedämmung

Mehr Wärmedämmung ist ein unverzichtbarer Beitrag zur Erreichung österreichischer und europäischer Emissionsreduktionsziele. Praktisch jeder Dämmstoff spart im Laufe seines Lebenszyklus unter üblichen Bedingungen mehr an Energie ein als für seine Herstellung aufgewendet wird.

Immer wieder tauchen in den Medien Beiträge auf, die der Öffentlichkeit vermitteln wollen, dass die nachträgliche Dämmung von Gebäuden – insbesondere mit Wärmedämmverbundsystemen - gesundheitsschädlich, schlecht für die Gebäudesubstanz oder gar wirkungslos sei und zudem „Sondermüll“ darstelle. Die Verunsicherung ist da, es wird zu wenig thermisch saniert und wir heizen unnötig viel.

Dabei ist mehr Wärmedämmung ein unverzichtbarer Beitrag zur Erreichung österreichischer und europäischer Emissionsreduktionsziele. Die aktuelle Klima- und Energiestrategie, die #mission2030 der Bundesregierung setzt daher mit dem „Leuchtturm 4: Thermische Gebäudesanierung“ einen klaren Schwerpunkt: Bis 2030 wird eine Reduktion um zumindest 3 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent (von derzeit rund 8 auf unter 5 Millionen Tonnen) angestrebt, bis 2050 soll ein möglichst CO2-freier und energieeffizienter Gebäudebestand erreicht werden.

Wie umweltfreundlich ist Wärmedämmung nun tatsächlich?

Grundsätzlich kann man eine Dämmung nach der besten Ökobilanz aussuchen, die Dämmstoffbroschüre liefert dazu die Information. In der Realität entscheiden sich viele Haushalte und Bauträger für die kostengünstigste Variante und das ist in vielen Fällen eine Dämmung mit EPS (expandiertes Polystyrol), bekannt vor allem unter dem Markennamen „Styropor“.

Die klimaaktiv Bildungskoordination recherchiert laufend zu diesem Thema und hat die aktuelle Faktenlage in diesem Artikel kurz zusammengefasst, ausführlichere Informationen finden Sie auf der klimaaktiv Lernplattform.

 

Herstellung und Wirksamkeit:

Praktisch jeder Dämmstoff spart im Laufe seines Lebenszyklus unter üblichen Bedingungen mehr an Energie ein als für seine Herstellung aufgewendet wird. Untersuchungen zeigen, dass diese „Graue Energie“ etwa innerhalb von ein bis zwei Jahren durch die Einsparungseffekte kompensiert wird. Als „Graue Energie“, bezeichnet man die Energie, die für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung eines Produktes benötigt wird. Die positive Energiebilanz von Wärmedämmung ist in unzähligen Untersuchungen eindeutig nachgewiesen.

 

Entsorgung und Wiederverwertung:

Die Behauptung, EPS sei „Sondermüll“ ist falsch. In Österreich ist EPS als nicht gefährlicher Abfall (Schlüsselnummer 57108 Polystyrol, Polystyrolschaum) eingestuft.

Generell gilt in Österreich: Dämmstoffabfälle gelten als Baustellenabfall und nicht als Haushaltsabfall. Dennoch empfehlen die Landesregierungen die Übernahme von Dämmstoffabfällen als Service an den BürgerInnen und im Dienste der Umwelt. Es obliegt aber den Gemeinden bzw. Abfallverbänden, ob sie Dämmstoffabfälle übernehmen oder nicht.

Alte EPS-Platten enthalten ein problematisches Flammschutzmittel, Hexabromcyclododecan (Abkürzungen HBCDD, HBCD), dieses ist inzwischen verboten und daher in neuen EPS-Dämmplatten nicht mehr enthalten. Da es aber Ausnahmenregelungen gibt, sollte bei der Anschaffung jedenfalls auf den HBCD-Gehalt geachtet werden. Aktuell wird meist ein alternatives Flammschutzmittel auf polymerer Basis verwendet (Polymer FR – „flame retardant“), das zwar auch Brom enthält, aber weiter weniger problematisch ist, weil es nicht so leicht in die Umwelt gelangt.

In Dämmstoffabfällen liegen in der Regel HBCD-Gehalte zwischen 0,5 bis 2,5 % vor. Der Grenzwert von 3 % HBCD für die Erfüllung der gefahrenrelevanten Eigenschaft „reproduktionstoxisch“ Kat. 2 (H361 kann vermutlich die Fruchtbarkeit beeinträchtigen oder das Kind im Mutterleib schädigen) wird in Dämmstoffabfällen somit nicht erreicht. In diesem Fall sind HBCD-haltige Dämmstoffabfälle nach der gefahrenrelevanten Eigenschaft HP 10 derzeit als nicht gefährliche Abfälle einzustufen[1].

Grundsätzlich gibt es mehrere Möglichkeiten der Verwertung. Derzeit werden Polystyrol-Abfälle meist in Müllverbrennungsanlagen thermisch verwertet, also verbrannt oder sie ersetzen Öl oder Gas in Industrieöfen. Bei der Entsorgung in Verbrennungsanlagen wird HBCD abgebaut und unschädlich gemacht, eine Untersuchung aus dem Müllheizkraftwerk Würzburg liegt dazu vor.

Die Verwendung als Zuschlagstoff für Bauteile oder die Verarbeitung mittels Extrusion zu einfachen Kunststoffprodukten sind weitere Optionen. Hoffnung auf eine hochwertige Wiederverwertung gibt das vom Fraunhofer Institut entwickelte CreaSolv®-Verfahren (siehe Kasten). Die Entwicklung dieses nachhaltigen Recyclings von Alt-Styropor mit HBCD ist abgeschlossen und es wird 2019 eine Testanlage in den Niederlanden von der „Pilot-Phase“ in die industrielle Nutzung überleiten.

 

CreaSolv®-Verfahren:

Das vom Fraunhofer IVV entwickelte CreaSolv®-Verfahren erlaubt die Wiederaufbereitung von Styropor, das aus Bauschutt von alten Gebäuden stammt. In einem ersten Schritt werden die Schaumstoffabfälle mit Lösemittel versetzt und aufgelöst. Dann folgt die Reinigung: Mineralische Verunreinigungen wie Reste von Putz oder Klebespachtel werden durch Filterung entfernt. Im nächsten Schritt wird das Polymer aus der Lösung entnommen, getrocknet und für neue Produkte eingesetzt. Bei der Lösemittel-Rückgewinnung wird das HBCD durch Destillation abgetrennt und mittels Hochtemperaturverbrennung zerstört. Im letzten Schritt wird das wertvolle Element Brom vollständig wiedergewonnen. Damit ist die Grundlage für das Recycling von Polystyrolschaum innerhalb eines geschlossenen Stoffkreislaufs geschaffen.

 

Schlussfolgerung

Entscheidend ist die Gesamtsicht: Um die Klimaziele zu erreichen braucht es eine Wärmewende. Heizen ist im Wesentlichen nur der Ausgleich von Wärmeverlusten. Damit es möglich wird, den gesamten Raumwärmebedarf aus erneuerbaren Quellen zu decken muss der Energiebedarf deutlich reduziert werden. Wärmedämmung hält die Wärme im Haus, sorgt für Behaglichkeit durch warme Außenwände und macht das Einsparpotential von 3 Millionen Tonnen CO2 realisierbar. Auch unter Berücksichtigung von Herstellung und Entsorgung gilt, dass der Nutzen einer Wärmedämmung bei weitem überwiegt.

Weiterführende Informationen:

klimaaktiv Dämmstoffbroschüre

klimaaktiv Lernplattform


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[1] In Österreich gilt gemäß Abfallverzeichnisverordnung bzw. ÖNORM S 2100 „Abfallverzeichnis“ die Abfallschlüsselnummer 57108 „Polystyrol, Polystyrolschaum“

 

 

Veröffentlicht am 17.12.2018